Ausgabe Januar 2026

„Siehe, ich mache alles neu“ (Offb. 21, 5) – Hoffnung in unsicheren Zeitenace

 

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Liebe Leser*innen,

das Jahr 2026 beginnt mit einer biblischen Zusage, die uns gerade in diesen unruhigen Zeiten Mut machen kann: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5). Diese Worte erinnern uns daran, dass Veränderung möglich ist – selbst dort, wo sie unmöglich erscheint. Doch wie entsteht Neues? Wie können wir als Gesellschaft, als globale Gemeinschaft, den Wandel gestalten, den wir uns wünschen?

Die Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth hat mit der 3,5%-Protest-Regel eine erstaunliche Erkenntnis formuliert: Wenn sich nur 3,5 % der Bevölkerung eines Landes gewaltfrei für eine Sache engagieren, kann dies ausreichen, um autokratische Systeme zu erschüttern und tiefgreifende Veränderungen herbeizuführen. Diese Regel zeigt, dass es nicht immer großer Massen bedarf, um Geschichte zu schreiben – sondern entschlossener, strategischer und gewaltfreier Solidarität. Bewegungen wie die „Singende Revolution“ in Estland oder die Proteste im Sudan haben bewiesen, dass gewaltfreier Widerstand nicht nur moralisch überlegen, sondern auch doppelt so erfolgreich ist wie gewaltsame Aufstände. Wie wäre es, wenn wir in Deutschland neben der militärischen auch verstärkt über die soziale Verteidigungsbereitschaft nachdenken würden?

Doch während uns diese Regel Hoffnung gibt, zeigt die aktuelle weltpolitische Lage, wie fragil Frieden und Gerechtigkeit sind. Die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA wirft grundsätzliche Fragen auf: Wer entscheidet über Souveränität? Wo endet der Kampf für Demokratie, und wo beginnt die Verletzung des Völkerrechts? Und dann die Fantasien der USA, Grönland zu annektieren – ein Plan, der nicht nur an koloniale Machtpolitik erinnert, sondern auch die Dringlichkeit unterstreicht, globale Konflikte durch Dialog und nicht durch Expansion zu lösen.

In einer Welt, die zwischen Hoffnung und Eskalation schwankt, ist die Jahreslosung „Siehe, ich mache alles neu“ auch ein Aufruf: Wir sind nicht ohnmächtig. Jede Stimme zählt. Jeder Protest, jeder Brief an Abgeordnete, jede Solidaritätsbekundung mit Menschen wie Narges Mohammadi (siehe Friedensstimme des Monats) ist ein Schritt in Richtung Veränderung.

Wo können wir selbst zu den 3,5 % werden, die Neues wagen? Wo können wir gewaltfrei, aber entschlossen für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung eintreten? Einige Anregungen finden sich in diesem Newsletter.

Herzliche Grüße
Ihr Team der Digitalen Friedenstaube

Wenn Sie interessante Veranstaltungen, Materialien oder Initiativen zur Friedensbildung kennen, lassen Sie es uns wissen! Schreiben Sie uns gerne an friedensbildung@ekir.de – wir freuen uns über Ihre Hinweise und Anregungen.


 

Friedensstimme des Monats

Die 1972 geborene Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2023 ist eine der bekanntesten Stimmen für Frauenrechte und Demokratie im Iran und setzt sich trotz jahrelanger Inhaftierung und Repressionen unermüdlich für Menschenrechte ein. Nach dem Tod von Mahsa Amini im Jahr 2022 gilt Mohammadi als zentrale Figur der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung. Ihr Motto lautet: „Je mehr sie uns einsperren, desto stärker werden wir.“

Mohammadi sitzt seit Jahren immer wieder im Gefängnis, zuletzt wurde sie im Dezember 2025 erneut festgenommen, nachdem sie zuvor aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend freigelassen worden war. Trotz ihrer Haft schafft sie es, durch Briefe, Interviews und öffentliche Auftritte ihre Stimme zu erheben – etwa bei der Nobelpreisverleihung, wo ihre Kinder stellvertretend ihre Rede verlasen. Ihr Einsatz gilt nicht nur den Frauen im Iran, sondern allen politischen Gefangenen und Unterdrückten. Sie betont immer wieder, dass Frieden und Freiheit nur durch das Erheben der Stimme und den Widerstand gegen Unterdrückung erreicht werden können, selbst aus dem Gefängnis heraus.


 

Podcasts & Audioformate

Feindesliebe zwischen Evangelium und Weltpolitik

Deutschlandfunk Kultur Wie lässt sich Feindesliebe in einer von Konflikten geprägten Welt leben? Ein Podcast über die Spannung zwischen christlichem Ideal und politischer Realität – mit Impulsen für eine Kultur des Dialogs. Zum Podcast


Relpod Nr. 40: Demokratie, Menschenwürde und Freiheit

RPI Ekkw/Ekhn Ein Podcast über die Grundwerte unserer Gesellschaft: Wie können wir Demokratie und Menschenwürde im Alltag stärken? Praktische Anregungen für Schule und Gemeinde. Zum Podcast


Frieden stiften durch Theater – Podcast „Zündstoff“

Theater als Werkzeug für Friedensarbeit: Wie kreative Methoden Konflikte transformieren und Brücken bauen. Ein Gespräch mit Praktiker*innen. Zum Podcast


Israel/Palestine Podcast by Berlin Students

Katholische Akademie Berlin Studierende aus Berlin diskutieren über Perspektiven auf den Nahostkonflikt – mit Fokus auf Dialog und Verständigung. Zum Podcast


 

Bücher & digitale Medien

Gewaltfreie Soziale Arbeit für Frieden und Demokratie (Josef Freise)

Kann die Soziale Arbeit in Zeiten von Kriegen und Demokratieabbau mehr als nur ein Reparaturbetrieb sein, kann sie präventiv Kriege und Demokratieabbau zu verhindern helfen? Das Buch analysiert innergesellschaftliche Gewalt- und internationale Kriegsdynamiken. Eine Gewaltfreie Soziale Arbeit zielt in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen auf bürgerschaftliches und politisches Engagement, prägt die persönlichen und professionellen Beziehungen mittels 'gewaltfreier Kommunikation' und beinhaltet eine spirituelle Dimension für seelische Resilienz und 'inneren Frieden'. Das Buch wirbt für die Weiterentwicklung einer Theorie und Praxis der Gewaltfreien Sozialen Arbeit. Das Buch kann hier bestellt werden.


Wehrdienst – Gewissensbildung – Kriegsdienstverweigerung

Seit 1. Januar gelten neue Regeln für den Wehrdienst in Deutschland. Alle jungen Menschen (zunächst ab Geburtsjahrgang 2008) erhalten Post von der Bundeswehr und sollen in einem Fragebogen Angaben zu ihrer beruflichen Qualifikation, zu ihrer Fitness und zu ihrer Bereitschaft für einen Dienst in der Bundeswehr machen. Damit sind junge Menschen ganz unmittelbar mit der Frage konfrontiert, ob sie sich einen Dienst in der Bundeswehr vorstellen können oder nicht. Sie können diesem Thema nicht aus dem Weg gehen. Pädagogische Fachkräfte in Schule, Jugendarbeit und Gemeinde begegnen jungen Menschen, die für sich eine Antwort auf diese Frage finden müssen.

In zwei inhaltsgleichen Fachtagen haben wir die friedensethische Dimension des Wehrdienstes reflektiert, über die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen des Wehrdiensts informiert, Ideen zur Gestaltung von Unterricht und Jugendarbeit zur Gewissensergründung geteilt und über die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen unter Berufung auf Artikel 4 Abs. 3 GG informiert. Zur umfangreichen Materialsammlung.


Wehrdienst – ja oder nein?

Die Frage, ob ein junger Mensch bereit ist, Wehrdienst zu leisten oder den Kriegsdienst zu verweigern, betrifft weit mehr als nur seine eigene Lebensplanung. Sie berührt grundlegende Themen wie persönliche Freiheit, gesellschaftliche Verantwortung und das eigene Gewissen. Angesichts der unfriedlichen Entwicklungen in unserer Welt und der aktuellen weltweiten Konflikte stehen junge Menschen heute vor der Herausforderung, eine Haltung inmitten widersprüchlicher Erwartungen zu entwickeln. Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden hat die Broschüre Finde DEINEN Weg neu aufgelegt.


 

Fortbildung & Qualifizierung

Clear Vision Qualifizierungslehrgang 2026

Clearing Schule: Ab sofort können sich Interessierte für den neuen Qualifizierungslehrgang zur Stärkung demokratischer Schulkultur und systematischer, sensibler Radikalisierungsprävention anmelden. Das Programm vermittelt Kompetenzen für gewaltfreie Konfliktbearbeitung in Schule und Jugendarbeit. Zur Anmeldung


Friedensdiskussionen initiieren – Online-Workshop 22.01.2026, 10–12 Uhr

Wie können Kirchengemeinden oder Gruppen niedrigschwellige Veranstaltungen zu umstrittenen Themen gestalten, die Frieden auf lokaler Ebene fördern? Welche Formate und welche Unterstützung brauchen Engagierte, um solche Gesprächsräume zu eröffnen? Das Projekt „Friedensdiskussionen initiieren“ (AGDF) sucht nach Antworten – mit Fokus auf Zuhören, Verstehen und lokale Lösungen.

Für: Haupt- und Ehrenamtliche in Kirchen/Gemeinden.
Anmeldung: per Mail an kurschat@friedensdienst.de.


Konzept für die Friedensbildungsarbeit mit jungen Menschen in der EKiR

Der im Jahr 2025 begonnene co-kreative Prozess der Entwicklung einer Konzeption für die Friedensbildungsarbeit mit jungen Menschen in der Evangelischen Kirche im Rheinland geht in diesem Jahr weiter. Am 22. Januar (18-19:30 Uhr) werden die von sogenannten Fokusgruppen in den letzten Monaten erarbeiteten Praxisbausteine, Materialien und Veranstaltungsformate in einem Zoom-Meeting präsentiert. Herzliche Einladung!

Am 25. April (10:30 – 15:30 Uhr) findet das nächste präsente Treffen in Bonn statt. Neben Austausch und Vernetzung wird der Schwerpunkt auf der Arbeit zur Frage des Friedensbildungsverständnisses in der EKiR liegen. Es wird zeitnah die Möglichkeit der Anmeldung auf der Webseite der Friedensbildung der EKiR geben


Qualifizierung zur Beratung zu Wehrdienst - Gewissensbildung - Kriegsdienstverweigerung

Die Friedensbildung der Evangelischen Kirche im Rheinland sucht engagierte Menschen, die als Beratende in der Friedensarbeit mitwirken möchten. Ob in Gemeinden, Schulen oder Bildungsprojekten – Ihre Expertise ist gefragt, um Friedensbildung lebendig zu gestalten. Ein online-Selbstlernkurs ermöglicht einen jederzeitigen Einstieg. Interessiert? Alle Infos und Kontaktdaten finden Sie auf der Website der Friedensbildung. Zur Ausschreibung


Rheinisches Friedensformum am 7. März in Bonn

Die neuen Überlegungen der EKD zum Thema Krieg und Frieden (Stichwort Friedensdenkschrift) werden Gegenstand des Rheinischen Friedensforums sein, das am 7. März 2026 in Bonn stattfindet (Save the date!). Das Motto der Veranstaltung lautet: „Wie verstehen wir Frieden?“. Prof. Dr. Jörg Hübner, Dr. Dirck Ackermann und Prof. Dr. Andreas Paulus, allesamt Mitautoren, werden das neue Grundlagendokument vorstellen. Das Friedensforum lädt zur eigenen Auseinandersetzung mit den Thesen der Denkschrift ein und bietet Chancen der Gewinnung eigener Perspektiven und Orientierung in herausfordernden Zeiten. Die Anmeldung wird bald auf der Homepage der Friedensbildung in der EKiR zu finden sein.


 

Studien & Publikationen

Code of Conduct Demokratische KI

Initiative Demokratische KI: Wie kann Künstliche Intelligenz demokratiefördernd gestaltet werden? Ein Leitfaden für ethische Standards und partizipative Entwicklung. Zum Code of Conduct


KuBiDemo Abschlusspublikation

Bundesakademie für Kulturelle Bildung „Haltung als Prinzip“: Wie kulturelle Bildung Demokratie stärkt – eine Handreichung mit Praxisbeispielen und Reflexionsfragen. Zur Publikation


Resonanzen auf die EKD-Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung“

Im November ist die Friedensdenkschrift der EKD erschienen. Unter dem Titel „Welt in Unordnung“ geht diese der Frage nach dem Gerechten Frieden in einer Welt in Unordnung nach. Die Akzente des Gerechten Friedens werden gegenüber der letzten Friedensdenkschrift aus dem Jahr 2007 leicht verändert. Eine Zusammenstellung einiger Stellungnahmen findet sich auf der Webseite der Friedensbildung.


 

Zum Schluss

Ökumenisches Friedensgebet zu Psalm 34, 15 von Schalom Ben-Chorin (1913-1999)

Auf der Suche
Wer Frieden sucht,
wird den andern suchen,
wird Zuhören lernen,
wird das Vergeben üben,
wird das Verdammen aufgeben,
wird vorgefasste Meinungen zurücklassen,
wird das Wagnis eingehen,
wird an die Änderung des Menschen glauben,
wird Hoffnung wecken,
wird dem andern entgegengehen,
wird zu seiner eigenen Schuld stehen,
wird geduldig dranbleiben,
wird selber vom Frieden Gottes leben –
Suchen wir den Frieden?


Segen

Der Herr segne dich.
Er erfülle deine Füße mit Tanz
und deine Arme mit Kraft.
Er erfülle dein Herz mit Zärtlichkeit
und deine Augen mit Lachen.
Er erfülle deine Ohren mit Musik
und deine Nase mit Wohlgerüchen.
Er erfülle deinen Mund mit Jubel
und dein Herz mit Freude.
Er schenke dir immer neu die Gnade der Wüste:
Stille, frisches Wasser und neue Hoffnung.
Er gebe uns allen immer neu die Kraft,
der Hoffnung ein Gesicht zu geben.
Es segne dich der Herr.
(Segen aus Ägypten)


Herzliche Grüße
Ihr Team der Digitalen Friedenstaube

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Evangelische Kirche im Rheinland
Dezernat 3.1 Außerschulische Bildung und Diakonie
Hans-Böckler-Straße 7 - 40476 Düsseldorf

www.friedensbildung.ekir.de